Die Königsherrschaft der Himmel מלכות

Die Königsherrschaft der Himmel – Luther übersetzt den griechisch Begriff „βασιλεία τῶν οὐρανῶν“ mit Himmelreich – ist keine christliche Idee. Die Botschaft vom anbrechenden Königreich Gottes, der Herrschaft Gottes (hebräisch מלכות/malchut) ist zentrales biblisches Thema und auch Kern der Lehre Jeshuas. Schon zu Beginn seiner Verkündigung ruft Jeshua zu Buße und Umkehr auf: „Seit der Zeit fing Jeshua an zu lehren und zu sagen: Tut Buße, denn die Königsherrschaft der Himmel ist nahe herbeigekommen.“ (Matth. 4, 17) Auch nach seiner Auferstehung spricht er 40 Tage mit seinen Jüngern über Gottes Reich. (Apg. 1, 3) Das Thema der Königsherrschaft Gottes ist gegründet im Judentum und in der Thora. 

Eine Grundhoffung des Judentums ist die Wiederherstellung oder Heilung der Welt (Tikkun Olam) Sie findet sich zum Beispiel im täglichen Aleinu-Gebet, das nach jüdischer Tradition dreimal am Tag gebetet wird:

Im Himmel wie auf Erden ist keiner wie du!    
Darum hoffen wir auf dich, Herr, unser Gott,
dass wir bald sehen werden, wie du die Götzen entfernst von der Erde,
wie du die Wahngebilde vernichtest,
um die Welt wieder herzustellen
durch die Königsherrschaft des Allmächtigen
,
damit die ganze Menschheit deinen Namen anruft,
alle Übeltäter sich hinwenden zu dir, alle Bewohner der Erde dich erkennen,
jedes Knie sich beugt vor dir und jede Zunge dich bekennt. 

Der Begriff „Tikkun Olam“ scheint auf Rabbi Gamaliel den Älteren zurückzugehen, einen Zeitgenossen Jesu, bei dem auch Paulus studierte (Apg. 22,3 und Apg. 5,34-42) Danach ist der Auftrag des jüdischen Volkes, zur Verbesserung und Heilung der Welt beizutragen. Nach jüdischer Tradition versteht sich das Volk Israel als erwähltes, herausgerufenes und zu Gott gehöriges Volk, das sich unterscheidet von seiner Umgebung. Dennoch hat es überall dort, wo es lebt, den Auftrag zur Mitgestaltung, ja sogar entscheidenden Umgestaltung der Welt. Israels Berufung ist es Licht für die Völker zu sein. „Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“ (Jes. 49,6) Die Balance zwischen Andersartigkeit und Anteilnahme, waren schon in biblischer und neutestamentlicher Zeit, dann aber auch bis in die Moderne hinein charakteristisch für das Verhältnis des Judentums zu den Gesellschaften, in denen es lebte.„In der Welt, aber nicht von der Welt“, diesen Grundsatz gab es schon lange vor dem Christentum. „Der Auftrag zu einer bewussten Mitgestaltung und Umgestaltung der Gesellschaft durch die Normen der Königsherrschaft Gottes gehört seit alters her zu den Grundideen jüdischer Spiritualität und Ethik.“ (Tikkun Olam: Heilung der Welt, Guido Baltes) 

Jonathan Sacks, der bekannte orthodoxe Oberrabbiner erklärt dazu: „Tikkun Olam – also die Welt zu vervollkommnen, zu bereiten oder auch zu reparieren: Das ist unsere Rolle als Juden, speziell als orthodoxe Juden, im Kontext der Gesellschaft, in der wir leben. […] Abraham lebte zwar Zeit seines Lebens mehr oder weniger abgesondert von seiner Umgebung. Aber er hatte doch offenbar einen gewissen Einfluss auf seine Umgebung, so dass sich seine Nachbarn am Ende seines Lebens an ihn wenden und sagen: „Du bist ein Fürst Gottes in unserer Mitte!“ (Gen 23,6). Ähnlich war es auch bei Moses am Ende seines Lebens. Er sagte dem Volk Israel: Glaubt nicht, dass diese Tora, die ich euch heute gebe, nur für euch allein da ist, denn das ist sie nicht: „Denn dadurch werdet ihr als weise und verständig gelten bei allen Völkern, dass, wenn sie alle diese Gebote hören, sie sagen müssen: Ei, was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk!“ (Dtn 4,6). Am einfachsten, aber auch am deutlichsten formuliert es das Aleinu-Gebet: Nämlich als Verheißung und als Aufgabe: „aufzurichten die Welt unter der Königsherrschaft Gottes‘. Das ist die allerhöchste Aufgabe der jüdischen Geschichte, aber zugleich auch die schwerste.“ (Sacks 1997)                                                                                                                              „Bereits im alten Aleinu-Gebet wird diese Vision mit der Hoffnung auf das Kommen des Reiches Gottes verbunden. Es ist diese Vision einer durch Gottes Herrschaft veränderten Welt, die auch das Neue Testament prägt und die zum Kernthema der Predigt Jesu gehörte.“ (Tikkun Olam: Heilung der Welt, Guido Baltes)

Gott begegnet uns in der Schrift nicht nur als Vater, sondern vor allem als König (מלך), der regiert und richtet. „Ich aber habe meinen König eingesetzt auf meinem heiligen Berg Zion.“ (Ps. 2, 6) „Der HERR ist König, darum zittern die Völker; er sitzt über den Cherubim, darum bebt die Welt.“ (Ps. 99, 1) „Sagt unter den Heiden: Der HERR ist König. Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt. Er richtet die Völker recht.“ (Ps. 96, 10) 

Bereits in der Schöpfungsgeschichte wird Gott als der König vorgestellt. Der Ewige ist König, denn er hat alles geschaffen. Er spricht und es geschieht.וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים, יְהִי Nur der König entscheidet, was gut (טוב) ist. „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. M. 1, 31) Nachdem er alles vollendet hat, hört Gott auf zu schaffen und setzt sich auf seinen Thron. וַיִּשְׁבֹּת Die Übersetzung Gott „ruhte“ ist eher mißverständlich, denn Gott war ja nicht müde. Gott der König hatte natürlich auch ein Reich: Eden, ein großes Land, daß von vier Strömen, darunter Euphrat und Tigris umgeben ist. In dieses Reich hat Gott den Menschen gesetzt. Er gab ihm die Verantwortung für dieses Reich. Adam, der damals in vollkommener Beziehung zu Gott stand herrschte durch den Geist Gottes. „Der Garten war ein kultivierter Ort und diente hauptsächlich der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch…Wir haben es mit einem Gott zu tun, der ein König ist. Deshalb wollte er König sein auf dieser Erde und zwar durch den Menschen und in Gemeinschaft mit dem Menschen.“ (Benjamin Berger, Der König kommt)

Der Prophet Jesaja sieht Gott sitzen auf einem erhabenen Thron: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll. Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (Jesj. 6, 3-5)  In der Thora heißt es: „Der HERR wird König sein immer und ewig.“ (2. M. 15, 18) Der Gott Israels hat sein Volk aus Ägypten geführt und in seinem Land eingepflanzt. (Ps. 80) Gott wurde König über Israel, „als sich versammelten die Häupter des Volks samt den Stämmen Israels.“ (5. M. 33, 5) Lieblich sind die Füße der Freudenboten, die zu Zion sprechen: „Dein Gott ist König.“ (Jes. 52, 7) 

Warum steht über dem Kreuz Jesu „König der Juden“ und nicht König der Welt, oder König der Christen? Weil Jeshua die Hoffnung auf die Königsherrschaft der Himmel zentral für das Judentum und Israel erfüllt. Deshalb sagt er, ich bin gekommen, die Thora und die Propheten zu erfüllen (Matth. 5, 17) Jeshua ist der König der Juden. Er bringt keine neue Lehre oder Religion. Er sucht das Verlorene, heilt das Verwundete, nimmt die Sünde des Volkes weg und errichtet den neuen Bund für Israel. Sein Auftrag lautet, den Anbruch der Königsherrschaft Gottes zu verkünden und umzusetzen. „Ich muss auch den andern Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden; denn dazu bin ich gesandt. (Lk. 4,43) Viele Juden zur Zeit Jeshuas erwarteten das Reich Gottes.  Zum Beispiel Josef von Arimathäa, „ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete.“ (Mk. 15, 43) Jeshua spricht von der Botschaft des Reiches: „Und es wird verkündet werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.“ (Matth. 24, 14) In vielen Gleichnissen redet Jeshua über das Reich Gottes. So vergleicht er das Gottesreich zum Beispiel mit einem Senfkorn. (Matth. 13, 31. 32) Am Anfang ist es klein und unsichtbar, „wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ 

Ziel und Kernaussage der Königsherrschaft Gottes: Gott ist König – über Israel und über alle Völker. Die gefallene Welt wird wiederhergestellt und geheilt, die Feinde Gottes werden vernichtet. „Und er sandte sie aus, zu verkünden das Reich Gottes und zu heilen die Kranken.“ ( Lk. 9, 2) „Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“ (Matth. 12, 28) „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen…und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Off. 21)

Weil die Königsherrschaft Gottes das zentrale Thema ist, fordert Jeshua: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen.“ (Matth. 6, 33) Es ist ein Missverständnis, zu glauben, das Himmelreich wäre im Himmel, oder wir kämen in den Himmel. Mit dazu beigetragen hat die ungenaue Übersetzung Luthers. Das Reich Gottes entsteht auf dieser Erde, im Himmel existiert es bereits. Deshalb heißt es im „Vater Unser“: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Matth. 6, 10) Gott, der im Himmel thront hat die Erde geschaffen und den Menschen gemacht, damit er sie in seinem Sinn verwaltet. „Du hast ihn (Menschen) zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan.“ (Ps. 8, 7) Gott will bei den Menschen wohnen. Dafür hat er sich Zion erwählt. Dort wohnt er ewiglich. (2. Chr. 7, 16) Zion oder Jerusalem sind der Mittelpunkt des Reiches Gottes. Dorthin kehrt auch Jeshua zurück. Bei der Himmelfahrt Jesu wird den Jüngern gesagt: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“ (Apg. 1, 11) Beim Propheten Sacharja heißt es: „Und an jenem Tag werden seine (des HERRN) Füße auf dem Ölberg stehen, der vor Jerusalem liegt nach Osten hin. Und der Ölberg wird sich in seiner Mitte spalten vom Osten bis zum Westen…und der HERR wird König sein über alle Lande. An jenem Tag wird der HERR der einzige sein und sein Name der einzige. (Sachj. 14, 4. 9) Die ganze „Erde wird voll werden von Erkenntnis der Ehre des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt.“ (Hab. 2, 14) Es geht eben nicht nur um „geistliches“ oder „jenseitiges“ Wohl, sondern um Gottes Herrschaft hier in der Welt.

Wie jeder Jude, so wußten auch die jüdischen Jünger Jeshuas, daß der Messias König ist. Und ein König besitzt ein Königreich. Der Messias wird sein Reich in Israel aufrichten. Deshalb fragen sie ihn selbstverständlich: „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ (Apg. 1, 6) Jeshua antwortet nicht: Ihr irrt, es geht gar nicht um das Reich für Israel, sonder er sagt: „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apg. 1, 7. 8) Das heißt, zuerst geht das Evangelium vom Reiches Gottes von den Juden aus in die ganze Welt, bevor es zurückkehrt nach Israel. Das Heil kommt von den Juden.

Auch der Apostel Paulus lehrte und verkündete das Reich Gottes. „Und als sie ihm einen Tag bestimmt hatten, kamen viele zu ihm in die Herberge. Da erklärte und bezeugte er ihnen das Reich Gottes und verkündete ihnen von Jeshua aus der Thora des Mose und aus den Propheten vom frühen Morgen bis zum Abend.“ (Apg. 28, 23 )

Das neue Jerusalem wird aus dem Himmel herab auf die neue Erde kommen: „Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Off. 21, 3) „Der HERR tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des HERRN, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.“ (Jesj. 51, 3)